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Das Projekt

Ausgangssituation

In einem vom Bayerischen Naturschutzfonds geförderten GlücksSpirale-Projekt haben Dr. Kai Frobel und Dr. Helmut Schlumprecht 2013 für den BUND Naturschutz in Bayern e.V. das Phänomen der „Erosion der Artenkenner“ untersucht. Dabei kamen sie zu folgenden Ergebnissen: Innerhalb des breitgefächerten ehrenamtlichen Engagements für Natur- und Umweltschutz vollzieht sich bei den Menschen, die sich durch besondere Kenntnis von Tier- und Pflanzenarten auszeichnen („Artenkenner“), eine tiefgreifende Änderung: eine standardisierte Befragung von 70 Experten und Expertinnen, die selbst im Bereich Artenerfassung und Kartierungen in Naturschutzverbänden, Planungsbüros, Universitäten oder Naturschutzbehörden tätig sind, ergab einen deutlichen Rückgang der Artenkenner im jeweiligen persönlichen Umfeld um 21 % in den letzten 20 Jahren. Praktisch alle Befragten sahen das Problem des Rückgangs von Artenkennern. Dies spricht eindeutig für die Existenz eines landes- und bundesweiten Problems, dem zudem 90 % der Befragten eine sehr hohe bzw. hohe Bedeutung für die Zukunft des Naturschutzes zumessen. Im Erfahrungsbereich der Befragten sind im Mittel nur 7,6 % der derzeitigen Artenkenner unter 30 Jahre alt.

Der Umfang des bisherigen Rückgangs oder die gerade noch stabilen Verhältnisse sind darin begründet, dass die älteren Artenkenner noch aktiv sind. Es ist aber abzusehen, dass diese über 60-Jährigen altersbedingt bald ausfallen werden, während zugleich aus anderen Gründen (Schule, Universität, verschlechterte Rahmenbedingungen) kein nennenswerter Nachwuchs zu erwarten ist. Daher ist für die nächsten 10 bis 20 Jahre von einem drastischen Rückgang der Anzahl von Artenkennern auszugehen, falls nicht rasch Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Es wurden Faktoren ermittelt, die für die Entstehung von Artenkenntnissen vorteilhaft sind, wie die Motivation im familiären Umfeld, insbesondere durch den Vater, und naturnahe Erlebnismöglichkeiten im Wohnumfeld. Es können zwei Altersphasen identifiziert werden, die für den Beginn der Aneignung von Artenkenntnis besonders relevant sind: „Früheinsteiger“ (n=39) im Mittel mit 13,5 Jahren und „Spätbeginner“ (n=31) mit 22,5 Jahren, also im Studium. Die Gründe für den Rückgang von Artenkennern sind multikausal: viele alternative Freizeitgestaltungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, Artenkenntnisverlust bei Lehrern, dramatischer Abbau entsprechender Lehrangebote an den Universitäten und allgemeine Imageprobleme des Artenschutzes sind hierbei zu nennen.

Daher sind für verschiedene Altersstufen (Kindheit, Schule, Universität, Berufspraxis) Lösungsansätze notwendig wie die naturschutzfachliche Verbesserung der Umweltbildungs- und Naturerfahrungsangebote, gezielte Suche und Förderung von Nachwuchskräften, Mentorensysteme für Jugendliche und Senioren bevorzugt an naturschutzfachlich versierten Umweltstationen, Aufbau von Zertifizierungssystemen mit Naturschutzakademien, Aufbau einer leistungsstarken Naturschutzforschung an den Universitäten und Ausbau von Koordinationsstellen für Artengruppen. Die Tatsache, dass wir uns in einer Erosion der Artenkenntnis befinden, muss von den verschiedenen Ebenen des Naturschutzes (Verbände, Fachbehörden, Umweltbildner, Naturschutzforschung) als zentrales gemeinsames Zukunftsproblem benannt und kommuniziert werden. Dies ist die Voraussetzung für ein entsprechendes Problembewusstsein, aber auch für den Mittel- und Zeiteinsatz für Lösungen. Im Gegensatz zu vielen anderen Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements in Umweltverbänden, wo man sich in vergleichsweise kurzer Zeit in neue und gesellschaftlich aktuelle Themen einarbeiten kann, setzt Artenkenntnis mindestens einige Jahre, oft Jahrzehnte an Lern- und Einübungsphase sowie Praxiserfahrung voraus. Die Herausbildung von Artenkenntnis erfolgt zudem in verschiedenen Lebensphasen: Kinder, Jugendliche, Studienanfänger und ist ebenso im Alter nach der Berufstätigkeit möglich.

Damit sind sehr unterschiedliche Institutionen gefordert, von der klassischen Umweltbildung über Schulen, Universitäten, Naturschutzzentren und Umweltstationen bis zu verbandlichen Angeboten für Senioren. Es ist daher notwendig, auf verschiedenen Ebenen kooperativ an der Problemlösung zu arbeiten. Keine der relevanten Naturschutz-Institutionen hat derzeit ausreichend finanzielle und personelle Kapazitäten, um diese - in vielen Aspekten auch erst zu erprobende - Aufgabe allein oder im Tagesgeschäft erfolgreich zu lösen. Deswegen sollten gezielt Mittel für Modellprojekte bei Umwelt- bzw. Kultusministerien, Länder- und Bundesbehörden, Forschungseinrichtungen und Stiftungen beantragt werden. Es besteht in diesem Problembereich ein dringender Bedarf, um die möglichen Schritte und breitgefächerte Ansätze zur Stärkung der Artenkenntnis überhaupt erst zu erforschen und zu erproben!


Kontakt:

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